Eine Bahnfahrt in Deutschland
In Deutschland habe ich kein eigenes Auto und fahre
deshalb häufig mit der Bahn. Die Verbindungen zwischen den größeren Städten sind
sehr gut und verkehren regelmäßig.
Kaum bin ich am Bahnhof, will ich mir eine Fahrkarte kaufen. An den Schaltern
ist heute nicht so viel los, so dass ich nicht lange in der Schlange stehen
muss. Dann wäre ich an einen der Automaten gegangen, wo man auch alle Fahrkarten
bekommt, aber nur mit Karte bezahlen kann. Leider habe ich mich erst heute
entschieden, mit welchem Zug ich eigentlich fahren möchte. Sonst hätte ich die
Fahrkarte im Internet reservieren und selbst ausdrucken können und m¨¹sste gar
nicht anstehen. Aber auch dann ist es noch ziemlich schwer, bei den vielen
Sonderangeboten, die es von der Bahn gibt, den Überblick zu behalten: Twen
Ticket, Guten Abend Ticket, Schönes Wochenende Ticket, Surf and Rail, Bayern
Ticket, ... Mal kann man nur bestimmte (langsame) Z¨¹ge benutzen, mal nur zu
bestimmten Zeiten reisen oder nur in einem bestimmten Gebiet. Zumindest aber
bekomme ich mit meiner BahnCard, f¨¹r die ich als Student jedes Jahr 70,00 EUR
zahle, 50 % Rabatt auf den Fahrpreis. Weil eine Sitzplatz-Reservierung jetzt
noch 2,60 EUR extra kosten w¨¹rde, verzichte ich darauf.
[1]
Bis zur Abfahrt des Zuges dauert es noch eine
viertel Stunde. F¨¹r diese Zeit gehe ich einfach auf den Bahnsteig und warte.
F¨¹nf Minuten bevor der Zug eigentlich abfahren soll kommt eine Durchsage:
„Leider wird der Zug erst zehn Minuten später ankommen.¡° Das ist zwar nicht viel
Zeit, aber doch sehr ärgerlich.
Schließlich kommt der Zug. Ich fahre 2. Klasse
Nichtraucher, in einem Großraumwagen. Da kann ich mein Gepäck nach dem
Einsteigen gleich am Eingang abstellen und muss es nicht durch den ganzen Wagen
schleppen. Weil ich es dann aber nicht immer im Blick habe, habe ich manchmal
Sorgen, es könnte geklaut werden ¨C bis jetzt ist es zum Gl¨¹ck immer gut
gegangen. Der Wagen ist schon ziemlich voll und auch die Plätze, auf denen noch
niemand sitzt, sind schon f¨¹r einen Teil der Reise reserviert. Ich setze mich
trotzdem auf einen solchen Platz und muss dann eben „umziehen¡°, wenn der
Reisende mit Reservierung einsteigt. Einmal musste ich auch eine ganze Bahnfahrt
lang stehen, weil ¨¹berhaupt keine Plätze mehr zu bekommen waren!
Nach einer Weile kommt der Schaffner und
kontrolliert die Fahrkarten. Auch meine BahnCard will er sehen. Heute ist alles
in Ordnung, aber es ist auch schon vorgekommen, dass ich am Bahnhof keine Zeit
mehr hatte, eine Fahrkarte zu kaufen. F¨¹r solche Fälle hat der Schaffner einen
kleinen Computer dabei, mit dem er im Zug Fahrkarten ausstellen kann. Die sind
allerdings noch etwas teurer als am Bahnhof. Wann wir ankommen, wo wir ¨¹berall
halten oder wie viele Kilometer wir fahren könnte mir der Schaffner auch sagen.
Ich habe diese Informationen aber schon alle einem Info-Blatt, das auf jedem
Platz liegt, entnommen und bin bestens informiert.
Mit den anderen Fahrgästen spreche ich fast gar
nicht. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und ich habe f¨¹r mich auch etwas zu
lesen dabei. Manchmal entwickelt sich zwar ein Gespräch, aber das kommt eher
selten vor. Noch seltener passiert es, dass ich mir etwas an der Minibar kaufe,
die von Zeit zu Zeit durch den Zug kommt: Mir sind die Preise hier einfach zu
hoch. Ich habe statt dessen selbst etwas zu Trinken und ein Butterbrot dabei,
falls ich unterwegs Hunger bekomme.
Am Bahnhof, ab dem mein Platz reserviert ist,
steigen einige Leute zu. Aber ich habe Gl¨¹ck: Niemand will sich auf meine Platz
setzen, so dass ich nicht umzuziehen brauche. Das Einzige, was mich jetzt noch
stört, sind gelegentliche, laute Handy-Telefonate. Ich hätte mich auch in einen
Wagen ohne Mobilfunk-Verstärker setzen können, aber ich selbst möchte ja auch
manchmal telefonieren... Was ich allerdings nach Möglichkeit meide, ist die
Toilette. So richtig sauber ist sie meist nicht, und manchmal gibt es auch kein
Klopapier oder keine Seife mehr. Wenn ich nur vier oder f¨¹nf Stunden unterwegs
bin, komme ich auch ganz gut ohne aus.
Schließlich komme ich an meinem Zielort an und
werde gleich am Bahnsteig von einem Freund abgeholt ¨C das ist besonders schön.
Eine Bahnfahrt in China
Eigentlich weiß ich schon seit Wochen, wann ich mit
welchem Zug fahren will. Aber die Fahrkarte kann ich erst drei Tage vor der
Abfahrt kaufen. Also st¨¹rze ich am Bahnhof drei Tage vor der Abfahrt ins
Gedränge und stelle mich irgendwo an, wo es scheint, als könnte es etwas
schneller vorangehen. Das erweist sich aber nat¨¹rlich auch heute wieder als
Trugschluss, denn ständig drängelt sich noch irgendjemand vor. Schließlich bin
ich aber doch an der Reihe (der Einsatz meines Ellenbogens war nur einmal nötig)
und kann meine Fahrkarte kaufen. Ich habe Gl¨¹ck und es gibt noch die Karten, die
ich möchte. Und der Preis ist auch eindeutig, weil ich noch nicht einmal in den
Ferien einen Studentenrabatt bekomme. Etwas unangenehm finde ich, dass ich in
dem Gedränge auch noch mein Geld herausholen muss.
Am Reisetag mache ich mich dann p¨¹nktlich auf den
Weg, ich will lieber etwas fr¨¹her da sein. Denn am Bahnhof wird erst meine
Fahrkarte kontrolliert und mein Gepäck durchleuchtet ¨C wobei die Kontrolle
allerdings nicht besonders sorgfältig durchgef¨¹hrt wird. Ob mich wohl doch vor
Anschlägen f¨¹rchten muss? Als nächstes suche ich mir jedenfalls den Wartesaal
f¨¹r meinen Zug und setze mich zwischen Familien, die ihren ganzen Haushalt dabei
haben, und spuckende alten Männer. Sobald mein Zug aufgerufen wird st¨¹rme ich
zusammen mit allen anderen zum Ausgang. Hier wird meine Fahrkarte nochmals
¨¹berpr¨¹ft und beim Einsteigen in den Zug schaut der Schaffner sie zum dritten
Mal an und tauscht sie gegen ein Metall-Märkchen mit der Nummer meines Betts
ein.
Weil
die Bahnfahrt etwas länger dauert, habe ich einen Schlafwagen gewählt: Abends
einsteigen, schlafen und morgens ankommen. Das finde ich sehr praktisch. Bevor
ich allerdings zu meinem Bett komme, muss ich mich durch einen Pulk von Leuten
drängeln, die alle gleichzeitig versuchen, ihr Gepäck zu verstauen. Sobald ich
mein Bett erreicht habe, finde ich f¨¹r mein Gepäck auch immer noch einen Platz.
Nachdem der Zug abgefahren ist und die Aufregung
sich etwas gelegt hat hole ich mir als erstes heißes Wasser. Diese
Heißwasser-Spender in den Z¨¹gen sind wirklich sehr praktisch. Kaum habe ich mich
dann auf mein Bett gesetzt, werde ich auch schon angesprochen. Meine
Mitreisenden interessieren sich sehr f¨¹r mich und mir macht es Spaß, mich mit
ihnen zu unterhalten. Auch wenn ich f¨¹rchte, dass ich vieles nicht so richtig
verstehe und mein Chinesisch auch nicht immer sehr verständlich ist. Was ich
allerdings immer verstehe, ist die Einladung zum Essen: Meine Mitreisenden haben
riesige Mengen an Lebensmitteln dabei und laden mich ein, mit ihnen zu essen,
was mich freut. Fr¨¹her hatte ich auf längeren Fahrten auch selbst immer
Verpflegung dabei, aber jetzt nehme ich nur noch ganz wenig f¨¹r den Notfall mit
¨C auf die chinesische Gastfreundschaft ist Verlass.
Nach dem Essen unterhalten wir uns noch ein
bisschen und dann lege ich mich auch schon ¨C komplett bekleidet ¨C ins Bett.
Heute raucht jemand neben mir, obwohl im Wagen ein ziemlich deutliches
Rauchverbotsschild angebracht ist. Das scheint den Mann allerdings ¨¹berhaupt
nicht zu beeindrucken und auch der Schaffner scheint das völlig in Ordnung zu
finden. Also muss ich ein bisschen Rauch ertragen, kann aber zumindest das
Fenster einen Spalt öffnen. Irgendwann schlafe ich ohnehin ein, und ich schlafe
gut.
Am Morgen bildet sich vor der Toilette eine
Schlange und ich muss etwas warten. Am liebsten w¨¹rde ich die Zug-Toilette gar
nicht benutzen, weil sie ziemlich dreckig ist. Aber ich muss mal, und so bleibt
mir nichts anderes ¨¹brig. Und mein Toilettenpapier habe ich ja dabei.
Bevor wir ankommen, bekomme ich nat¨¹rlich noch
etwas zum Fr¨¹hst¨¹ck angeboten und meine Mitreisenden machen sich Gedanken, ob
ich denn am Ankunftsort schon eine Unterkunft habe und wie ich mich denn in
einer fremden Stadt zurecht finde. Das finde ich einerseits wirklich sehr nett,
andererseits nervt es aber auch ein etwas: Wenn ich nicht auch allein zurecht
käme, w¨¹rde ich wohl kaum allein reisen.
Nach der Ankunft tauscht der Schaffner meine
Metall-Marke wieder in die Fahrkarte um, und diese wird am Bahnhofs-Ausgang zum
letzten Mal kontrolliert.
Vor dem Bahnhof warten schon ganz,
ganz, ganz viele Leute auf mich, die mir alle billige Taxis, tolle Unterk¨¹nfte
und was weiß ich nicht alles anbieten. Da kann ich nur ganz entschieden mit „²»Òª¡°
antworten.
Moritz
J. Heidb¨¹chel
-- ein deutscher Student an SISU
[1]
Die Tarife der Deutschen Bahn AG im
Fernverkehr werden zum 15.12.2002 grundlegend neu gestaltet.