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Es war ein warmer Nachmittag. Ich saß im Cafe. Vor mir auf dem Tisch stand eine Tasse Cappuccino. Mir gegen¨¹ber saß Herr Gnatzy, mein Klassenlehrer am Gymnasium. Er hatte mich ins Cafe eingeladen. Es war der 3. Tag nach meiner Ankunft in Deutschland. Als Austauschsch¨¹lerin sollte ich hier ein halbes Jahr aufs Gymnasium gehen.
Herr Gnatyz hatte zwei Tassen Cappuccino
bestellt. Ich nahm einen keinen Schluck. Bitter hatte er geschmeckt, wirklich
bitter. ¡°Schmeckt dir der Kaffee nicht?¡± fragte Herr Gnatzy. ¡°Nein, leider
nicht. Er ist mir zu bitter.¡± Ich war ehrlich. ¡°Dann nimm doch etwas
anderes, was dir schmeckt, Orangensaft z.B.¡± schlug er vor. ¡°Aber stört
es dich, wenn ich weiter meinen Cappuccino trinke?¡± fragte er plötzlich.
Ich konnte nur lachen: ¡°Nein,
nat¨¹rlich nicht. Warum sollte es mich stören? Das ist doch Ihre Sache und
Ihre Wahl.¡± Diesmal lachte Herr
Gnatzy:¡° Gut, dass du das verstehst. Schau mal, der Cappuccino schmeckt uns
beiden bitter. Aber ich mag ihn und du nicht. Kulturunterschiede spiegeln sich
in kleinen Lebensgewohnheiten wider. Ähnliche Auseinandersetzungen kannst
du hier auch erleben. Du bist jetzt in eine neue Klasse gekommen. Aber die Verständigung
zwischen dir und deinen deutschen Schulkameraden wird sicher nicht leicht, denn
ihr seid doch in zwei total verschiedenen Kulturen aufgewachsen und verhaltet
euch daher auch verschieden. F¨¹r dich ist vor allem wichtig, dass du keine
Angst vor ihnen hast, dass du aktiv versuchst, ihnen nahe zu kommen und ihr
Leben kennenzulernen. Auch wenn du dabei etwas als Chinesin schwer akzeptieren
kannst, lass dich bloß nicht schockieren, das ist halt eine andere Kultur,
d.h. du kannst deinen Orangensaft haben, aber ich darf auch meinen Cappuccino
trinken. Verstanden? ¡± Verstanden habe ich nicht sofort, aber ich hab´s
im Kopf behalten.
Die Zeit verging wie im Handumdrehen. Ich sollte zur¨¹ck. Kurz vor meiner
R¨¹ckkehr saß ich wieder in dem Cafe, wo ich anfangs auch gewesen war. Ich
trank wieder meinen Orangensaft und mochte keinen bitteren Cappuccino. Aber
trotz dieser Gewohnheit wurde ich doch sehr herzlich von den Deutschen
aufgenommen. Ich habe auch echte Freundschaft geschlossen, obwohl ich immer nur
die Hand reichte.
Interkulturelle
Verständigung ist meinen Erfahrungen nach absolut möglich. Die einzige
Voraussetzung ist, dass man bereit ist, fremde Normen und Konventionen zur
Kenntnis zu nehmen, ohne sie vom eigenen Standpunkt aus zu verurteilen. Denn
auch der eigene Standpunkt ist relativ. Ein deutsches Sprichwort sagt: Jeder ist
Ausländer, fast ¨¹berall.
von Li Jing