Kulturunterschied?
– oder wieso gibt es in Shanghai nur VW Santanas?
Nun sitze ich hier und versuche, der Bitte der deutschen Fakultät, den
kulturellen Unterschied zwischen den beiden „Welten“ China und Deutschland in
Form eines Artikels zu beleuchten, so gut wie möglich nachzukommen. Als 周方 mich
vor einigen Tagen mit dieser Aufgabe beauftragte, fragte ich mich zunächst, ob
ich wirklich der ideale Ansprechpartner wäre. Der Grund für meine Zweifel lassen
sich mittels folgender Frage leicht umschreiben: Betrachte ich China wirklich
mit deutschen Augen?
Als
华侨 auf die Welt gekommen, genoss ich sowohl eine chinesische als auch eine
westliche Erziehung. Ich hatte also vor dem einjährigen “Abenteuer China” von
Haus aus eine gewisse Sensibilisierung hinsichtlich der kulturellen Unterschiede
mit auf dem Weg bekommen. So würden einem „waschechten“ Deutschen sicherlich
mehr Besonderheiten auffallen als sie mir bisher in meiner Zeit in China über
dem Weg liefen. Trotz alledem fühle ich mich geehrt und freue ich mich sehr, mit
diesem Artikel einen kleinen Beitrag für die Fakultätszeitung zu leisten.
Im folgenden möchte ich nur einige wenige Themengebiete aufgreifen, die uns
ausländische Studenten in Erstaunen versetzten, uns zu einem Lächeln zwangen,
bei uns ein Gefühl der Bewunderung oder gar Unverständnis und Ärger hervorruften.
Wenn dieser Artikel an einigen Stellen ein wenig „antichinesisch“ klingen sollte
- was ganz und gar nicht meine Absicht ist –, möchte ich mich dafür
entschuldigen. Die Beispiele sollen lediglich das widerspiegeln, was einem zum
großen Teil westlich geprägten Menschen so alles in China als auffällig
erscheint – mit einem Stückchen Übertreibung. Also, nehmt beim Lesen bitte nicht
alles so ernst...J!

Der Chronologie meines Studienaufenthaltes folgend, beginne ich mit dem Thema
„Verkehr“: Gerade dem Flugzeug in Pudong entstiegen, wagte ich mich in einen der
Shuttle-Busse, die den Flughafen verkehrsbedingt mit dem übrigen Teil Shanghais
verbinden. Die folgende atemberaubende Busfahrt in Richtung SISU brannte sich
als mein erster Eindruck von China fest in meinem Gedächtnis ein: Autofahrer
überholen wie in der Formel 1 im Zickzackkurs ihre „Kontrahenten“; Fußgänger
werden gekonnt und millimeterscharf umkurvt etc. Während die Autohupe in
Deutschland nur im Notfall bzw. zum Ausdruck seines Ärgers eingesetzt wird, ist
sie hier neben dem Gaspedal und der Bremse das meistbetätigte Utensil in
jedermanns Wagen. Sowieso scheint in Shanghai derzeit lediglich nur ein Wagentyp
zu existieren: In Deutschland noch nie gesehen, wimmelt es hier geradezu nur von
VW Santanas. Große Beachtung schenken müssen die Autofahrer vor allem den
Fußgängern, die nicht selten schlagartig auf die Straße springen, um jene zu
überqueren. Ohne Rücksicht darauf, ob nun an der Fußgängerampel ein rotes oder
grünes Licht aufleuchtet, überquert wird – ganz einfach –, wenn Platz ist... In
Deutschland wird selbst in tiefster Nacht und bei absolut geringstem
Verkehrsaufkommen „brav“ an einer roten Ampel gewartet, um die Kreuzung
vorschriftsmäßig zu überqueren. Vergessen darf man natürlich nicht die dritte
Gruppe der Verkehrsteilnehmer: die Fahrradfahrer. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen
Überlegenheit auf Chinas Straßen – im Gegensatz zu Deutschland – sind dort
radfahrerfreundlich überall deutlich markierte Bereiche vorzufinden, auf denen
sich nicht selten auch Fußgänger „verirren“. Ohnehin bevorzugen hier sehr viele
Fußgänger, ihren Zielort nicht auf dem Bürgersteig zu erreichen, sondern den Weg
eher auf der Straße zu begehen. Auch ich zähle mich mittlerweile zu jenen, die
es mit den Verkehrsregeln nicht mehr allzu ernst nehmen, und hoffe nun, dass ich
nach meiner Rückkehr in Deutschland nicht gleich einen Unfall verursache... Mein
Fazit: Anscheinend gibt es hier keine Verkehrsregel, die man nicht brechen kann!
Ich ziehe den Hut vor all jenen, die sich bisher trotz all dieser Unwägbarkeiten
unfallfrei aus dem Verkehr ziehen konnten...
Hinsichtlich des Themas „Arbeit in China“ vereinen sich in mir zeitgleich
verschiedene Gefühlszustände. Aufgrund des ungemeinen Arbeitsfleißes der
Bevölkerung, der besonderen Arbeitsbedingungen, aber auch aufgrund des riesigen
Arbeitsangebotes hier in China bieten sich im Vergleich zu Deutschland ganz
andere Möglichkeiten.
Ein
kleines Beispiel verdeutlicht vielleicht meine Gedanken: Direkt vor dem Fenster
meines Zimmers im 上外迎宾馆 wird die künftige Sporthalle der SISU gebaut. Als ich im
letzten August nach Shanghai kam, wurde gerade damit begonnen, das Fundament für
diesen Bau zu legen. Doch nur neun Monate später steht das annähernd
achtstöckige Gebäude knapp vor der Fertigstellung. Es gibt noch zahlreiche
andere Beispiele für die unglaublich schnelle Fertigstellung von Projekten: der
Transrapid, der Dreischluchten- Staudamm etc. Doch während der bisher
neunmonatigen Bauzeit der Sporthalle begleiteten uns aber auch unzählige
schlaflose Nächte. So war es in jener Zeit keine Seltenheit, dass beispielsweise
tief in der Nacht um 3:00 Uhr im Minutentakt Erde mit Lastwagen angekarrt wurde,
die dann noch von zwei großen Baggern verteilt wurde. Natürlich geschah dies
nicht geräuschlos...
Auch
der in Deutschland so „heilige“ Sonntag scheint hier keine Bedeutung zu haben.
Der „nette“ Weckdienst – Sonntagmorgens um 7:00 Uhr in Shanghai: Während
normalerweise jeder in Deutschland um diese Uhrzeit noch in seinem Bett liegt,
um noch seine Träume zu genießen, wird man hier bisweilen von einem ungemein
lautem Bohrgeräusch aus dem Bett geworfen. „Geregelte Arbeitszeiten“ scheinen
Seltenheitscharakter zu haben. Stattdessen wird fast 24/7 durchgearbeitet. In
Deutschland würden die Gewerkschaften ohne Zweifel Sturm laufen. Doch auch dies
ist China – alles ist möglich: keine allzu komplizierte Bürokratie, die in
Deutschland viele Projekte zum Scheitern bringt; belastbare und keine
protestierenden Arbeitskräfte etc. Selbst das kürzlich in Deutschland
heißdiskutierte Thema des „Ladenschlussgesetzes“ scheint hier bei einem
chinesischen Arbeitnehmer nur ein unverständliches Kopfschütteln hervorzurufen.
Hier macht das Einkaufen doch so richtig viel Spaß!
Noch ein kurzer Blick auf ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen): Mir ist es in
Deutschland nicht so aufgefallen, doch manchmal habe ich den Eindruck, dass hier
sehr viele Leute mit (ökonomisch) „sinnlosen“ Jobs beauftragt werden: Hier an
unserer Uni sitzt eine Dame mit ihrem Hocker im Fahrstuhl und bedient
ausschließlich die Knöpfe...obwohl die Studenten dies auch tun könnten. Woanders
stehen zwei Damen den ganzen Tag an den Glastüren zu einem normalen Restaurant
und wischen permanent die Türen oder öffnen die Türen, wenn Gäste eintreten
wollen. An den Stationen der Pearl-Line stehen Angestellte, die nur damit
beschäftigt sind, neue Fahrtickets einzureißen (statt es direkt beim Schalter
einreißen zu lassen); an den Ausgängen stehen dann wiederum andere Angestellte,
die die eingerissenen Tickets wieder einsammeln. Aus der Sicht eines Ökonomen
blutet einem auf der einen Seite natürlich das Herz, auf der anderen Seite
erkennt er natürlich auch die Tatsache des ungemeinen Arbeitsangebotes hier in
China... In Deutschland würde sich auf jeden Fall ein großer Teil der Leute
nicht mit so einem Job zufrieden geben...
Sportbegeisterung
– Im Gegensatz zu unseren deutschen Universitäten haben die Studenten hier in
der Woche einen Pflichttermin, an dem sie gemeinsam Sportunterricht haben (ich
finde, das sollte man in Deutschland auch einführen – Sportunterricht in der
Schule machte doch immer Riesenspaß!). Unglaublicher war es dann zudem zu
erfahren, dass die Studenten auch noch eine Sportprüfung abzulegen hätten, die
Bestandteil des Semesterzeugnisses sei... Auf der anderen Seite ist es somit
nicht verwunderlich, dass man in den frühen – sehr sehr frühen – Morgenstunden
bereits zahlreiche ältere Leute in den öffentlichen Parks sieht, die ihre
täglichen Sportübungen absolvieren. Erstaunlich also, wenn sich viele
chinesische junge Frauen über ihr eigenes Gewicht beschweren, obwohl sie doch
absolut keinen Grund dafür haben... Ihrer Meinung nach, scheinen sie ein
unglaublich dickes Völkchen zu sein... In den Abteilungen der Supermärkte, in
denen Körperwaagen angeboten werden, findet man zum großen Teil auch
Ausstellungsstücke. Eben diese Abteilungen sind insbesondere von weiblichen
Chinesen frequentiert, die sich mit Begeisterung auf jede freie Waage stellen,
um sich von ihrem „unverhältnismäßigem Übergewicht“ zu überzeugen. Während sich
in Deutschland (meinen Erfahrungen zufolge) jeder still und heimlich in seinem
Badezimmer über sein Gewicht informiert, herrscht hier ein Run auf die Waagen in
den Märkten... Wie dem auch sei, deutsche Krankenkassen würden sich über ein
solch gesundheitsbewusstes Völkchen freuenJ!
Diese
Sache werde ich wohl am meisten vermissen – hm, na ja, vielleicht doch die
zweitwichtigste Sache, die ich vermissen werde
J!
–: Die chinesische Küche. Trotz zahlreicher „China-Restaurants“ in Deutschland
schmeckt es doch nirgendwo so gut wie im Ursprungsland selbst. Keine Angst
verhungern zu müssen, genoss ich in der Vor-SARS-Zeit an jeder Straßenecke die
frisch zubereiteten Mahlzeiten. China – Das Paradies auf Erden für Liebhaber
wohlduftender und farbenprächtiger Gerichte. An eines musste ich mich jedoch
zunächst gewöhnen: Wenn man beispielsweise zu Dritt essen geht, erhält man
anders als in Deutschland normalerweise in chinesischen Restaurants kein
separates Gericht für sich alleine, sondern bestellt drei verschiedene
Tellergerichte, die man sich mit seinen Gefährten teilt. Auf diese Weise kann
jeder Einzelne in den Genuss dreier verschiedener Gerichte kommen, anstatt in
nur eines. Des weiteren steigert dies doch spürbar die gesellige Atmosphäre beim
Essen.
Wie
sich nach den ersten Gesprächen mit einigen Sprachpartnern herausstellte,
scheint die Angst vor dem „harten“ europäischen Brot besonders groß zu sein. Wie
soll ich sagen... die Furcht scheint berechtigt zu sein, obwohl ich sagen
möchte, dass jenes nicht „hart“, sondern „knusprig“ und Ausdruck für die Frische
eines Brotes ist. Im Gegensatz dazu gäbe es in China – der Ansicht vieler
ausländischer Studenten nach –, nur lapprig weiches Weißbrot...
Auffällig ist zudem, dass hier in China die Neigung vorherrscht, Speisen mit
Knochen zu ordern. In Deutschland tendiert man doch eher zu Filets jeglicher
Art... Während wir Knochen eher als lästige Blockade beim Genuss der Speisen
ansehen, wird es hierzulande komischerweise als zusätzliche Stimulierung
betrachtet.
Zu guter Letzt mein Lieblingsthema: Singen. Neidlos und voller Bewunderung gebe
ich zu, dass in fast jedem Bürger der Volksrepublik China ein unentdecktes
Gesangstalent steckt – Wahnsinnsstimmen!!! Wohin man auch schaut, wohin man auch
geht, sei es auf der Straße, sei es im Friseursalon, sei es in Läden, häufig
begegnen mir singende Chinesen. Während die deutsche Bevölkerung dagegen eher
dazu neigt – wie ich –, im stillen Kämmerchen für sich alleine singt (z.B. unter
der Dusche – viele geben es nicht zu, aber ich bin mir sicher, dass es viele
sind!), trällern die Chinesen selbstbewusst – denn das können sie wirklich sein!
– öffentlich (!) auf der Straße ihre Lieblingshits! Doch mich fasziniert nicht
ihr Mut, in der Öffentlichkeit zu singen, sondern eher die Tatsache, dass
schlichtweg jeder hier die Fähigkeit besitzt, gut zu singen! Glaubt mir, mir
sind schon viele Leute in Deutschland begegnet, deren Gesang eher an das schiefe
Heulen von Wölfen erinnert... Ich kann mir wirklich nicht erklären, warum es so
ist... Vermutlich liegt es an den chinesischen Genen (aber warum kann ich nicht
singen!?)... Vielleicht liegt es auch an den zahlreichen Karaoke-Bars, die in
Deutschland eher selten vorzufinden sind...
Zum Abschluss möchte ich mich bei all jenen bedanken, die mir halfen, hier in
Shanghai eine wunderbare unvergessliche Zeit zu verbringen. Ein besonderes
Dankeschön geht an meine belgische Kommilitonin Herlinde Lecoutere sowie an
meine zwei chinesischen Sprachpartner 常云 und 洪淑萍.
Ling